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Mehrkosten und Bauverzögerung überschaubar - Offshore lernt schnell

Mai

20

2015

„Jetzt geht es los“. „Jetzt geht es wirklich los“. „Jetzt geht es aber ganz bestimmt wirklich los!: Mehr als ein Jahrzehnt stand die Offshore-Windenergie in dem Ruf, ihre selbst ausgerufenen Ziele notorisch nicht zu erreichen. Zwischen den Ankündigungen der ersten Offshore-Pioniere und der Inbetriebname der ersten Parks liegt wenigstens ein Jahrzehnt das gebraucht wurde, um die einst massiv unterschätzten technischen und kostenmässigen Hürden zu überwinden .

Doch jetzt zeigt sich: Inzwischen funktioniert die Planung von Offshore-Windparks zielgenau. Und Baltic 1 (Betreiber: EnBW), DanTysk (Betreiber: Vattenfall und Stadtwerke München) sowie Borkum Riffgat (Betreiber: Enowa und EWE) sind nach einer Studie der Hertie School of Governance die ersten Offshore-Windparks, die ohne Kostensteigerungen gegenüber der Planung ausgekommen sind. Das ist, wie Vergleiche der Hochschule etwa mit der Atomenergie zeigen, ein großer Erfolg. Die Atomenergie hat es nie gelernt, ihre Kostenziele zu erreichen. Die letzten 1975 gebauten AKWs hießen AKW Grafenrheinfeld und Mülheim-Kärlich und überschritten ihre Baukosten trotz 13 Jahren Erfahrung beim Bau solcher Anlagen immer noch um 100 bzw 51 Prozent. Die Branche hat ihre Baukosten bis heute nicht im Griff: Der Reaktor im finnischen Olkiluoto sollte 2011 in Betrieb gehen und 3 Mrd. Euro kosten. Aktuell ist die Rede von 2018 und 9 Mrd. Euro. Gravierender Unterschied zur Windenergie: Bei den deutschen Atomanlagen mussten am Ende oft die Steuerzahler für die Mehrkosten aufkommen. Bei der Offshore-Windkraft tragen allein die Firmen die Verluste.

Bei den deutschen Atomanlagen mussten am Ende oft die Steuerzahler für die Mehrkosten aufkommen. Bei der Offshore-Windkraft tragen allein die Firmen die Verluste.

Die Wirtschaftswissenschaftler berechnen eine durchschnittlich Verzögerung von 13 Monaten und 20 % bei den Kosten. Dabei schlagen vor allem zwei Windparks negativ zu Buche, bei denen allerdings besondere Umstände vorliegen: Der Windpark Alpha Ventus war als Versuchswindpark konzipiert, Verzögerungen und Kostensteigerungen waren von Anfang an zu erwarten. Und beim Offshore-Windpark Bard 1 waren die Zielvorgaben des russischen Investors Arngold Bekker und die Planungen seiner Ingenieure offenkundig von Beginn an unrealistisch. Bard 1 sorgte auch nicht nur durch die Verzögerungen von zwei Jahren und Kostenüberschreitungen von 93 % für Aufsehen. Sondern auch durch die Unfälle beim Bau: 2010 kam ein Taucher ums Leben. Die Sauerstoff-Leitungen seiner Tauchausrüstung hatte sich verklemmt, als er unter Wasser am Fuß eines Windrades arbeitete. Und im Januar 2012 starb ein 31 jähriger Techniker, der sich mit seiner Kletterausrüstung an eine Stahl-Plattform gehängt hatte. Die Plattform sollte mit dem Kran an Bord eines Schiffes auf das Fundament gehoben werden. Als das Bauteil sich vom Haken löste - bis heute ist nicht klar, warum - zog es den Techniker 40 Meter unter Wasser. Erst zwei Tage später wurde er von einem Suchroboter gefunden und tot geborgen. Der Windpark ist inzwischen vollendet. Aber die Firma Bard gibt es seit Mitte 2014 nicht mehr. Das eilige Unternehmen war die erste große Pleite der Offshore-Wind-Branche.

Ohne Alpha Ventus und Bard sinkt die durchschnittliche Verzögerung auf 11 % und die Kostensteigerung auf im Schnitt 5,7 %.

Bei Nordsee Ost schlugen nach der Analyse der Hertie School vor allem Zuliefer- und Logistikengpässe insbesondere durch unzureichende maritime Infrastruktur“ zu Buche sowie der „stark verzögerte Netzanschluss aufgrund von Schwierigkeiten beim Bau der Konverterplattform und der Übertragung.“ Bei Borkum Riffgat musste der „Übertragungsnetzbetreiber 100 Mio. Euro fur die Beseitigung von unter Wasser lagernden Kriegsmaterialien und als Kompensation fur entgangene Erträge zahlen.“ Die Risikobewertung vor Errichtung der Netzverbindung wird als „unzutreffend“ eingeschätzt.

Das Resümee der Schule ist positiv: „Mit zunehmender Erfahrung kann die Wirtschaft das Problem der Kostensteigerungen und Zeitverzogerungen bei der Konstruktion und Installation von Offshore-Windparks in den Griff bekommen.“ Die Wirkung dieser Kostensteigerungen und Zeitverzogerungen bei der Netzanbindung seien jedoch noch nicht ausreichend untersucht. Die Autoren um Genia Kostka, Professorin fur Governance von Energie und Infrastruktur, empfehlen darum unter anderem, die „Vorgehensweise mit den Regierungen der Nordsee-Anrainerstaaten abzustimmen, um eine langfristige Planung zu ermöglichen, Erfahrungen auszutauschen und länderübergreifende Szenarien fur die Offshore-Windenergiegewinnung und den Ausbau der Netze und Verbindungen zu entwickeln“, wie es etwa die „North Seas Countries Offshore Grid Initiative“ vorsieht. Auch verlangen die Autoren einen „politischen Rahmen fur den Ausbau der Offshore-Windenergiegewinnung über das Jahr 2020 hinaus, der Investitionssicherheit, Wettbewerbsfahigkeit und regulatorische Koharenz ermöglicht.“ Eine Forderung, die auch die Windenergie-Verbände für Offshore fordern.

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