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Fusion von Bayer und Monsanto: Big Player der digitalen Landwirtschaft

Feb

14

2018

Für Bayer steht bei der Fusion mit Monsanto viel auf dem Spiel. Das wusste auch Landwirtschaftsminister Schmidt. Er hat in Brüssel für die Verlängerung von Glyphosat gestimmt, um die Umsätze von Bayer in den ersten Jahren nach der teuren Fusion zu stützen und damit Bayer als deutsches „Vorzeigeunternehmen“ zu stärken.

Digitales Geschäft wird von Bayer nicht zum Verkauf angeboten

Dies hilft Bayer aber nur dann, wenn die EU-Kommission die Fusion am Ende auch genehmigt. Hier scheint sich Bayer seiner Sache nicht sicher zu sein. Warum sonst sollte der Konzern ein paar Wochen vor der finalen Kommissionsentscheidung nochmal ein Angebot machen? Das Angebot umfasst Gemüsesaatgut und eine Exklusivlizenz für BASF für die Nutzung von Bayer-Monsantos digitaler Plattform. Es verwundert nicht, dass Bayer nicht bereit ist, das digitale Geschäft von Monsanto und/oder Bayer zum Verkauf anzubieten. Schon im September 2017 erklärte Bayer nicht in der Lage zu sein, Teile des digitalen Geschäfts zu verkaufen. Dieses ist aus Bayers Perspektive das absolute Sahnestück und der wesentliche Grund für die Fusion. Die Übernahme von Monsanto ist für Bayer eine Investition in die Zukunft. Denn diese, da sind sich die Expert/innen einig, wird der digitalen Landwirtschaft gehören.

Konzerne setzen ganz auf die Digitalisierung in der Landwirtschaft

Wie schnell und wie umfassend die Digitalisierung Einzug in der Landwirtschaft halten wird, ist schwer zu prognostizieren, zumal die Situation von Land zu Land unterschiedlich aussehen wird. Aber dass sie die Landwirtschaft von Grund auf ändern wird, davon gehen Expert/innen heutzutage aus. 2013 ist das Wendejahr, ab dem die Investitionen in Ag Tech enorm angestiegen sind. Prognosen zufolge wächst der Markt für digitale Landwirtschaft jährlich im Durchschnitt um 12 Prozent. Allein Bayer hat in den letzten 18 Monaten 600-700 Mio. US-Dollar in Life Science Unternehmen investiert. Die Zahl der installierten IT-Vorrichtungen in der Landwirtschaft soll von 30 Millionen im Jahr 2015 auf 75 Mio. im Jahr 2020 steigen, d.h. mit einem jährlichen Wachstum von 20 Prozent.

Datenanalyse und Datenwissenschaft sind Schlüsselfaktoren für „Big Data“

Es wird erwartet, dass ein landwirtschaftlicher Durchschnittsbetrieb im Jahr 2050 durchschnittlich 4,1 Mio. Datenpunkte generieren wird (2014: 190.000). Nach Angaben von IBM (2012) sind 90 Prozent der Daten weltweit allein in den letzten zwei Jahren generiert worden. Die zu verarbeitende Datenmenge steigt also exponentiell an. Aber erst die Zusammenführung der durch die Digitalisierung gewonnenen Daten ist kennzeichnend für „Big Data“ und „Smart Farming“.

Die Datenanalyse bzw. die Datenwissenschaft sind Schlüsselfaktoren, die für die Anwendung von Big Data erforderlich sind. Nur wer hier die Nase vorn hat, wird auch das Rennen im digitalen Zeitalter machen. Am Ende steht und fällt das Geschäftsmodell mit dem Erfolg des Algorithmus bzw. der daraus resultierenden Inputvorgaben. Für eine erfolgreiche Funktionsweise sind hunderte von Feldversuchen notwendig.

Monsanto ist der größte Player bei digitaler Landwirtschaft

In den letzten Jahren hat Monsanto mehrere digitale Agrarunternehmen aufgekauft. Dreh- und Angelpunkt der Digitalisierungsstrategie war der Aufkauf der „Climate Corporation“ im Jahr 2013. Diese wiederum erwarb im Jahr 2014 die Bodenanalyse-Sparte von „Solum“ und „640Labs“ mit seinem GPS-gestützten Pflanzen- und Maschineninformationssystem für Landwirte. Im Jahr 2016 folgte der Kauf von „VitalFields“, einem europäischen Softwareunternehmen, das sein Farmmanagementsystem in sieben Ländern anbietet: Estland, Deutschland, Österreich, Polen, Rumänien, Schweiz und Ukraine. Mit Hydrobio kaufte die Climate Corporation im Jahr 2017 ein Datenanalyseunternehmen auf, das auf Bewässerung spezialisiert ist.

Durch die Übernahmen avancierte Monsanto vom „First Mover“ zum größten globalen Player bei der digitalen Landwirtschaft. Die digitale Plattform soll bis 2020 hunderte Millionen US-Dollar einbringen. Viele weitere Übernahmen sind zu erwarten, zumal das Kartellrecht der Entwicklung keinen Riegel vorschiebt.

Digitalisierung zu wenig im Fusionsverfahren berücksichtigt

Traditionellerweise werden Fusionen wie die von Bayer und Monsanto unverständlicherweise unter Auflagen genehmigt. Das heißt, die Übernahme kann stattfinden, wenn einige Geschäftsteile in überlappenden Märkten verkauft werden. Bei Bayer-Monsanto betrifft dies Soja, Raps, Gemüsesaatgut etc. Aber diese Detailanalyse von einzelnen Marktsegmenten ignoriert, dass die Digitalisierung die Landwirtschaft von Grund auf und sehr schnell verändern wird. Wer hier die Nase vorn hat, wird sehr wahrscheinlich den Löwenanteil der Kunden abgreifen, erklärt der Wettbewerbsexperte Daniel Oliver aus den USA.

Weder Bayer noch Monsanto allein haben dafür genug Saatgutsorten oder Pestizidprodukte. Erst durch die Fusion sind sie in der Lage, Profit aus der Digitalisierung zu schlagen, die anderen weit abgeschlagen hinter sich zu lassen und mit einer digitalen Plattform kleinere Konkurrenten vom Markt fernzuhalten. Die Kommission muss deswegen im Fusionsverfahren der Digitalisierung ein großes Gewicht beimessen und die digitale Marktmacht von Bayer und Monsanto umfassend untersuchen.

Marktmacht durch Integration von Saatgut und Pestizide in digitaler Plattform

Bayer sieht keine Überschneidung bei den digitalen Geschäftsfeldern. Schließlich ginge es hier bei Bayer um die Schädlingskontrolle während der Fokus von Monsanto auf der Ertragssteigerung liege. Ein Blick in Bayers Investorenhandout (6/2016) zeigt, dass diese Aussage nur die halbe Wahrheit ist. Bei der Fusion geht es explizit darum, ihre Saatgutsorten und Pestizide in Zukunft zu kombinieren und diese Koppelprodukte (sog. „integrierte Lösungen“) mit ihrer digitalen Plattform zu vermarkten.

Durch die Fusion entsteht die „führende digitale Plattform“ kombiniert mit einer „Best in Class“-Datenanalyse. Die Integration von Saatgut und Pestiziden in einer digitalen Plattform schafft starke Anreize für potenzielle Landwirte, von anfänglichen Lockangeboten bzw. vom Risiko einer ruinösen Preissetzung ganz zu schweigen. Kleinere Konkurrenten, die Innovation und Wahlmöglichkeiten für Landwirte bringen würden, hätten keine Chance auf den Markt zu kommen. Zudem könnte die Fusion den Zugang zu wertvollen Farmdaten verschließen und Bayer-Monsanto dies als Hebel für die Ausweitung seiner Marktmacht nutzen.

Welche Aspekte im Fusionsverfahren zu berücksichtigen sind

Da die digitale Landwirtschaft noch ganz am Anfang steht, auch kartellrechtlich gesehen, stellt sich die Frage wie dieser Markt analysiert werden kann. Eine Meta-Studie unterscheidet Farmprozesse, Farmmanagement wie Sensoring und die Datenkette von Datenerhebung über Datenanalyse zu Datenmarketing.

Bei der kartellrechtlichen Prüfung im Bereich digitaler Landwirtschaft müssten darüber hinaus folgende Punkte berücksichtigt werden:

  • Geringere Auswahlmöglichkeiten für Bauern: Das FieldScript-Programm von Monsanto beschränkt die Auswahl der Landwirt/innen auf Hybridsaatgut. Die Empfehlung des Programms ist nur mit dem Kauf des Saatguts zu erhalten, was kartellrechtlich höchst bedenklich ist. Monsantos Empfehlungs-Algorithmus basiert ausschließlich auf agronomischem Wissen über ihre eigenen Sorten. Das heißt, die Digitalisierung verengt noch mehr die Anzahl der Saatgutlinien und schränkt die freie Wahl der digitalen Plattform ein.
  • „One-Stop“ digitale Plattform: Die Integration von Saatgut und Pestizide in einer digitalen Plattform muss kartellrechtlich gesondert betrachtet werden. Der Markt für „integrierte Lösungen“ ist ein neuer Markt, der in naher Zukunft etabliert wird und deswegen untersucht werden muss (siehe oben).
  • „First Mover“-Vorteil“: Dies schließt die digitalen Plattformen, Datenanalyse, Algorithmus-Entwicklung und Feldversuche mit ein. Syngenta hat beispielsweise für die Entwicklung eines Fungizids allein 717 Feldversuche durchgeführt.
  • Hohe Marktzugangsbarrieren für Start-Ups: Ihre geringe Wettbewerbsfähigkeit kann neue Firmen davon abhalten, in die digitale Landwirtschaft einzusteigen. Ebenso der „First Mover“-Vorteil von Bayer-Monsanto. Die Entwicklungskosten sind sehr hoch, sie betragen 286 Mio. US-Dollar für ein neues Pestizid und 136 Mio. US-Dollar für eine neue GMO-Saatgutsorte (genetically modified organism).
  • Geistige Eigentumsrechte und Digitalisierung: Monsantos Dienstleistungsvertrag beschreibt, dass FieldScripts® und die relevanten Algorithmen und Dokumentation das geistige Eigentum und geschützte Information von Monsanto sind. Die Exklusivlizenz für BASF bei der Nutzung von Bayers digitaler Plattform erhöht die oligopolistische Marktmacht und stellt eine weitere Marktzugangsbarriere für kleinere Konkurrenten dar (siehe Lizenzabkommen).
  • Möglicher Missbrauch von Datenmacht: Agrartechnologieanbieter sammeln Daten über angepflanzte Flächen. Konzerne wie Monsanto, die auch Ertragsprojektionen für diese Flächen basierend auf agronomischen und klimatischen Bedingungen und Voraussagen machen, können dies zu ihrem Vorteil ausnutzen, in dem sie an Warenterminmärkten spekulative Wetten abschließen. Dies war bislang die Domäne von Getreidehändlern wie Cargill, ADM und Glencore.

Liebe Frau Vestager, sagen Sie einfach „NEIN“!

Dabei gilt es, das „Big Picture“ nicht aus dem Blick zu verlieren, nämlich die Marktdominanz bei Saatgut, bei Pestiziden und bei der digitalen Plattform kombiniert mit „Best in Class“-Datenanalyse. Bereits jetzt ist offensichtlich, dass über die Auflagen bzw. Verkäufe einzelner Geschäftsteile nicht, wie eigentlich beabsichtigt, Wettbewerb hergestellt werden kann. Denn diese Geschäftsteile werden ja an andere Großkonzerne, in erster Linie an die BASF (Nr.4 weltweit) verkauft. Die Folgen wären verheerend. Man kann dem „American Antitrust Institute“ deswegen nur zustimmen, wenn sie zu dem Schluss kommen: Einige Deals sind schlicht zu groß. Die Fusion von Bayer und Monsanto gehört dazu. Liebe Frau Vestager, sagen Sie als EU-Wettbewerbskommissarin einfach „NEIN“!

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Der Artikel wurde zuerst bei Oxfam Deutschland veröffentlicht.

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