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„Anlagendokumentation ist nach wie vor ein Sorgenkind “ Interview mit Gerald Riedel

Apr

28

2016

Das aktuelle Jahr fällt deutlich durch verschiedene Fusionen auf. Welche Folgen hat diese Veränderung des Marktes von unabhängigen Serviceanbietern und Herstellern auf die Betriebsführung?

Direkte Auswirkungen auf das Servicegeschehen vor Ort lassen sich noch nicht feststellen, insbesondere da die Strukturen in den übernommenen Organisationen bisher offensichtlich weitgehend erhalten geblieben sind. Ich vermute jedoch, dass wie üblich bei Konzentrationen von Anbietern am Markt, es in der Folge zu einem eingeschränkten Wettbewerb kommen wird. Durchaus denkbar ist kurz- und mittelfristig auch ein weiterer Verdrängungswettbewerb unter den Serviceanbietern unter Einbeziehung internationaler Märkte. Für die Betriebsführung möchte man sich durch diese Fusionen einen Schub in der Professionalisierung des Instandhaltungsgeschehens erhoffen, auch wenn sicherlich eine Einschränkung des Wettbewerbes zu erwarten ist.

Damit dürften die „satten“ Vollwartungsverträge unter Druck geraten

Nicht minder ein Brennpunktthema ist der Systemwechsel hin zu Ausschreibungen. Welche Auswirkungen erwarten Sie auf die zukünftigen Instandhaltungsstrategien?

Die kommenden Ausschreibungen werden einen erheblichen Preisdruck auch in der Instandhaltung nach sich ziehen. Damit dürften die „satten“ Vollwartungsverträge unter Druck geraten, da sich das bestehende Instandhaltungsrisiko und die nicht auf den Einzelfall optimierten Instandhaltungsstrategien sich bei den aktuellen Verträgen in einem hohen Preisniveau wiederfinden. Soll heißen, momentan zahlt der Betreiber die Zeche fehlender, auf Optimierung hinzielender Instandhaltungsstrategien.
Generell steht die Entwicklung von optimierten Strategien für die Instandhaltung in der Windenergie erst ganz am Anfang. Ich denke, dass ein Basiswartungsvertrag und auf den Einzelfall abgestimmte Versicherungskonzepte als Basis einer Optimierungsstrategie eine Alternative zum Vollwartungsvertrag sein können.

Wie sieht der Betriebsführer generell den Referentenentwurf zur EEG Novelle 2016?

Für den Alltag der Betriebsführer hat die EEG Novelle kurz- und mittelfristig eher geringere Auswirkungen und spielt entsprechend eine eher untergeordnete Rolle. Auf längere Sicht gesehen jedoch dürften die Aufgaben der Betriebsführung gerade in einem verstärkt wettbewerblich geprägten Strommarkt steigen und sich die Verantwortung erhöhen. Diesen Effekt werden kommende, dem geforderten Kraftwerksbetrieb geschuldete Bestimmungen und Regelungen zur Einspeisung von Windstrom verstärken. Auf diese Anforderungen freuen wir uns!

Stichwort Anlagenverantwortung: Was genau macht den Betriebsführen und Herstellern bei diesem Thema Angst?

Angst ist hier nicht der richtige Begriff, uns treibt als Betriebsführer die Umsetzung der Verordnungen in die alltägliche Praxis um. Eine klare Definition und Organisation von Verantwortlichkeiten sowie gut justierte Schnittstellen in der Verantwortungskette sind für uns unerlässlich. Hier unterscheidet sich eine Windenergieanlage als elektrische Betriebsstätte in einigen Bereichen deutlich von „üblichen“ elektrischen Betriebsstätten, z.B. einem Schaltraum in einem in drei Schichten rund um die Uhr produzierenden Industriebetrieb. Aus diesen Besonderheiten ergeben sich Konsequenzen, z.B. spezielle Anforderungen an die Qualifikation der Verantwortlichen. Aktuell wird das intensiv in den relevanten Branchengremien diskutiert, um die entsprechenden Regelwerke dahingehend ergänzen zu können.
Nicht vergessen werden darf bei allen Diskussionen der eigentliche Zweck der Regelwerke – die Arbeitssicherheit der Monteure an und auf den Windenergieanlagen!

Nach wie vor aktuell ist das Thema Anlagendokumentation. Wie weit sind aus Ihrer Sicht die Hersteller, Dokumentation mit anderen Branchenteilnehmern zu teilen?

Das Thema Anlagendokumentation ist nach wie vor ein Sorgenkind bei uns Betriebsführern, unverständlich in einem Markt, der doch langsam den Kinderschuhen entwachsen sein sollte. Hier gibt es durch die Bank, mit leichten graduellen Unterschieden, noch immer erheblichen Nachholbedarf bei allen Herstellern. Haftungsfragen werden zukünftig in diesem Bereich sicherlich eine stärkere Rolle spielen und durch Geheimniskrämerei befreit sich ein Hersteller kaum von Haftungsansprüchen. In erster Linie kann sich jedoch der Anlagenbetreiber seinen Verantwortlichkeiten und Pflichten nur stellen, wenn ihm eine umfassende normgerechte Anlagendokumentation vorliegt. In dieser Hinsicht sollte der Eintritt neuer Marktteilnehmer mit erheblicher Einkaufsmacht auf der Betreiberseite für ein wenig frischen Wind sorgen.

Ein abschließender Blick in die Zukunft: Welche neuen Konzepte und Technologien könnten zukünftig die tägliche Arbeit des Betriebsführers erleichtern?

Ich denke, dass gerade die digitale Welt für den Betriebsführers weitere Entwicklungen anbieten wird, durch die seine Arbeit übersichtlicher und zeitsparender erledigt werden kann. Grundlage könnten hierfür die mittlerweile am Markt etablierten datenbankbasierten Softwarepakete  („Betriebsführungssoftware“) sein. Um wesentliche Funktionen erweitert, können sie sich zu einer zentralen Informations- und Datenquelle entwickeln, an der auch andere Marktteilnehmer teilhaben könnten. Denkbar ist natürlich gleichfalls der Markteintritt bisher marktfremder Unternehmen, die mit bestehenden, jedoch für den Windenergiemarkt weiterentwickelten Produkten entsprechende Angebote präsentieren. Mit derartigen Produktlösungen könnten dann erhebliche Synergieeffekte genutzt werden, z.B. könnte ein Kennzeichnungssystem wie das RDS-PP dadurch seine Vorteile tatsächlich voll ausschöpfen.

© WID

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