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Bundesverband WindEnergie e.V. (BWE)

Am großen Rad mitdrehen

Jan

04

2016

Der „Leitfaden Bürgerwindpark“, herausgegeben von der schleswig-holsteinischen Netzwerkagentur windcomm, beschreibt in knappen Worten den manchmal langen und beschwerlichen Weg von der ersten Idee bis hin zum Betrieb eines Windparks auf der grünen Wiese. Die Broschüre beinhaltet auf 41 Seiten die vielfältigen Erfahrungen aus mehr als 20 Jahren Windenergienutzung, in denen im nördlichsten Bundesland viele Windparks mit Bürgerbeteiligung erfolgreich an den Start gingen. Im windreichen Landkreis Nordfriesland lag der Anteil der von Bürgern geplanten, gebauten und betriebenen Parks zwischenzeitlich sogar bei rund 90 Prozent.

Hierzu gehört auch der Windpark Drelsdorf nordöstlich von Husum. Er zählt drei Anlagen mit einer installierten Gesamtleistung von 6 Megawatt, die seit 1998 von der Windpark Drelsdorf GmbH & Co KG betrieben werden. Diese Gesellschaftsform wurde bisher – neben der GmbH und der eingetragenen Genossenschaft – vorrangig  als Beteiligungsmodell gewählt. Beim Drelsdorfer Windpark sind 60 Bürger beteiligt, die über ihre jeweiligen Kommanditisten-Anteile rund 3 Millionen Euro investierten, um das lokale Windenergie-Projekt realisieren zu können.

10 Prozent Rendite für Windbürger

Nach 17 Jahren Betrieb ist klar: Es war gut angelegtes Geld. Die Rendite liege, so verrät Geschäftsführer Wolfgang Paulsen, pro Jahr bei ungefähr 10 Prozent. Da die drei Anlagen aber langsam in die Jahre kommen, plant die GmbH & Co KG, die vorhandenen Turbinen durch 3-Megawatt-Anlagen zu ersetzen – und somit die installierte Leistung um ein Drittel zu erhöhen. Beim sogenannten Repowering soll der Gedanke des Bürgerwindparks aber auf gar keinen Fall über Bord geworfen werden. Die Hälfte des Zubaus wolle man daher für neue, beteiligungswillige Kommanditisten vor Ort öffnen, so Paulsen. Der Windpionier hat bereits Ende der Neunzigerjahre die Planungen für die Drelsdorfer Windinitiatoren federführend abgewickelt. Zudem ist er Geschäftsführer eines weiteren Onshore-Windparks und arbeitete darüber hinaus fast zehn Jahre an dem Projekt Butendiek mit, einem geplanten und schließlich gescheiterten Bürgerwindpark auf der Nordsee. Paulsen kennt also die Planungsmaterie aus dem Effeff. Da die drei Repowering-Standorte in Drelsdorf in der Raumordnung des Landes Schleswig-Holstein als Windeignungsfläche ausgewiesen sind, steht einem Repowering grundsätzlich auch nichts entgegen. Es kann ohne Widerstände in den Flächennutzungsplan (F-Plan) eingezeichnet werden.

Mit einer Bürgervollversammlung informierten die Betreiber um Paulsen die Einwohner der Gemeinde über das neue Vorhaben und stellten ihren Bauplan vor. Demnach sollen die Turbinen der drei neuen Anlagen höher hinaus als die bisherigen: Statt mit Nabenhöhen unter 100 Meter geht es jetzt 150 Meter in die Höhe. Weil weiter oben kräftigerer Wind weht, garantiert dies den Betreibern trotz gesunkener Einspeisevergütungen nach dem neuen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ähnlich gute Renditen wie bisher. Allerdings stellen die höheren Windenergieanlagen auch einen größeren Eingriff in das Landschaftsbild dar. Der nach der Bürgerversammlung eingereichte Bauantrag der Betreibergesellschaft muss daher sowohl von der Gemeinde (B-Plan) als auch von den zuständigen Landesbehörden genehmigt werden.

Im Fall Drelsdorf gibt es bereits eine langjährige Erfahrung, eine Erfolgsspur, die mit aller Wahrscheinlichkeit weitergeführt werden kann. Wie sieht es aber mit einem neuen Windpark auf der grünen Wiese aus, auf der zuvor noch kein Windstrom geerntet wurde? Würde ein erfahrener Planer wie Paulsen angesichts sich ändernder Rahmenbedingungen trotzdem noch einmal zugreifen? „Ja sicher, wieso auch nicht? Wenn es eine solche Freifläche gäbe, die für die Windenergienutzung wirklich geeignet wäre, würde ich dort auch heute noch einen Bürgerwindpark bauen.“

Umfangreiche Planungen – Schritt für Schritt

Damit macht der nordfriesische Windexperte all denjenigen Mut, die die Idee des Bürgerwindparks auch an neuen Standorten mit neuen Akteuren auf den Weg bringen wollen.

Wenn es eine solche Freifläche gäbe, die für die Windenergienutzung wirklich geeignet wäre, würde ich dort auch heute noch einen Bürgerwindpark bauen.“

Wie aber sehen die Planungsschritte bis hin zur Realisierung tatsächlich aus? Zuallererst stellt sich hier immer die Frage, ob es sich bei der anvisierten grünen Wiese um eine Windeignungsfläche handelt. Wenn ja, dann sollte der Planer mit dem Landeigentümer Kontakt aufnehmen und unter Umständen bereits Vorverträge abschließen, um sich Planungsexklusivität zu sichern.

Hiernach geht es um die Genehmigungsfähigkeit der Windeignungsfläche: Wie sieht es mit Flora und Fauna aus? Wie verhält sich der Naturschutz zum Projekt? Zeitgleich müssen auch Aspekte wie Flugsicherung und Denkmalschutz berücksichtigt werden. Denn wenn der geplante Windpark in der Sichtachse einer bauhistorisch wertvollen Kirche oder ähnlicher Gebäude steht, kann dies durchaus das K.-o.-Kriterium sein. Auch die jeweils von Bundesland zu Bundesland stark differierenden Mindestabstände sind auf jeden Fall einzuhalten, ansonsten drohen in einem späteren Planungsstadium große Schwierigkeiten.

Wenn all diese grundsätzlichen Fragen geklärt sind, geht es Paulsen zufolge an wichtige Details – in denen bekanntlich der Teufel stecken kann: Welche Windstärke herrscht am Planungsort? Existieren Vergleichswerte von benachbarten Windparks, die verwertet werden können? Ist dies nicht der Fall, sollte auf jeden Fall ein Windgutachten in Auftrag gegeben werden. Liegen die erforderlichen Daten dann vor, geht es mit den Planungsunterlagen an das Kreisbauamt oder die Landesbehörden, die den Windpark letztlich genehmigen müssen. Übrigens: Ab zwanzig Windenergieanlagen ist eine aufwendige und kostenintensive Umweltverträglichkeitsprüfung (UVS) Pflicht.

Rund ein Jahr dauert es, bis all diese Punkte geklärt sind, schätzt Paulsen. Parallel dazu führen die planenden Initiatoren vor Ort Gespräche mit den Bürgern. Bestenfalls laden sie zu Einwohnerversammlungen ein, um das Projekt vorzustellen und für es zu werben. Zudem gilt es, die Bürger über die Rechte und Pflichten einer Beteiligung an der im Aufbau befindlichen Betreibergesellschaft aufzuklären und sie für das Projekt als potenzielle Teilhaber zu gewinnen. Wenn die geplante Genossenschaft, GmbH oder GmbH & Co KG schließlich ausreichend Bürger und Geld eingeworben hat, gehen die Projektierer in die nächste Planungsrunde: Sie verhandeln mit den Banken über die Finanzierung des Windparks, suchen sich unter den Herstellern die am besten geeignete Turbine aus und sichern die Stromtrasse zum Einspeisepunkt ins Stromnetz des zuständigen Netzbetreibers.

Windparkprojekte erfordern unternehmerisches Know-how

Wahrlich, eine lange To-do-Liste. Aber es ist eben auch ein Windpark und keine Kleinwindanlage auf dem eigenen Grundstück hinterm Eigenheim. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes versucht, am großen Rad der Energiewirtschaft mitzudrehen. Dies ist ohne fachliche Kompetenz und unternehmerisches Denken nicht zu bewältigen und schon gar nicht zu verantworten, haben sich doch die Größenverhältnisse und damit auch die finanziellen Dimensionen der Projekte in den letzten Jahren dramatisch verändert. Zwei Beispiele demonstrieren diese Entwicklung: Die  Stadtwerke Norden waren eines der ersten kommunalen Energieunternehmen in Deutschland, die sich in der Windenergie engagierten. Bereits Ende der Achtzigerjahre investierten sie in den Bau ihres Windparks „Nörder Windloopers“ mit fünf Anlagen und einer Gesamtleistung von 275 kW. Was für damalige Verhältnisse ein großes Projekt darstellte, wäre heute nicht der Rede wert. Wie auch das gelungene Projekt der ZukunftsEnergie Fichtelgebirge GmbH (ZEF) in Wunsiedel zeigt: Als Zusammenschluss von mehreren Kommunen und kommunalen Unternehmen hat sich das Unternehmen in der oberfränkischen Region das Ziel gesetzt, im eigenen Versorgungsgebiet 100 Prozent Erneuerbare Energien zu realisieren. Dabei setzt die ZEF auf lokale Biomassekraftwerke, auf Solaranlagen und zu einem großen Anteil auch auf die Windenergie. So wurde im Herbst 2014 der Windpark Blausäulenlinie, projektiert von der Regensburger Ostwind AG, in einem Forst mit drei Anlagen à 2,4 MW in Betrieb genommen. Für seine Realisierung waren Investitionen in Höhe von 15 Millionen Euro notwendig. Dabei war die ZEF von Anfang an bestrebt, Privatleute und Unternehmen aus der Region einzubinden. Diese beteiligten sich schließlich mit Anteilen von 500 – 50.000 Euro im Gesamtwert von 1,3 Millionen Euro.

Die verschiedenen Formen der Beteiligung

Genossenschaften

Neben dem klassischen Gesellschaftsmodell eines Bürgerwindparks, einer GmbH & Co. KG, bietet sich zur Realisierung und Finanzierung von kommunalen Windparks auch die Gründung einer Genossenschaft an. Insbesondere im ländlichen Raum hat das genossenschaftliche Gesellschaftskonstrukt durch die Raiffeisen-Bewegung eine lange Tradition und lebt durch die Erneuerbaren Energien wieder auf. Welche Gesellschaftsform sich am Ende durchsetzen wird, hängt aber sicherlich auch davon ab, wie die jeweilige Beteiligungsstruktur aussieht: Wie viele Unternehmen, wie viele Privatleute sind beteiligt? Welche Summen werden im Projekt bewegt? Alles Fragen, die direkten Einfluss auf die bestmögliche Betreiberform haben.

Zu berücksichtigen ist auch die sogenannte Prospektpflicht, bei der die Projektgesellschaft ihr Vorhaben infolge der erst vor Kurzem vorgenommenen Änderungen des Kapitalanlagegesetzes öffentlich detailliert vorlegen muss. Wer die gesetzlichen Vorgaben nicht einhält, macht sich strafbar. Die ersten Bürgerwindparks in den Neunzigerjahren hatten es an diesem Punkt sicherlich einfacher, sie warben das Geld ihrer Kommanditisten ohne Prospektpflicht erfolgreich ein. 

Crowdinvesting/Crowdfunding

Beim sogenannten Crowdfunding sammeln Initiatoren für ihre Projekte über Online-Plattformen ausreichendes Kapital vom anonymen und interessierten Internetpublikum, der Crowd, ein. Als diese neue Form der Finanzierung vor einigen Jahren das Laufen lernte, ging es in erster Linie um Spezialprodukte, für deren Entwicklung und Produktion die Crowd ihren Obolus gab und dafür als Gegenleistung das fertige Produkt zum Vorzugspreis kaufen konnte. Mittlerweile zieht das Crowdfunding in einer begeisterungsfähigen Netzgemeinde viel weitere, größere und kapitalkräftigere Kreise. Tatsächlich wird die Finanzierung von EEG-Projekten mittels Crowdfunding schon fleißig beworben und rückt so auch in den Fokus kommunaler Projektplaner. Allerdings ist Vorsicht geboten: Ist doch Crowdfunding kein klar umrissenes Finanzinstrument und der Rechtsrahmen ebenfalls nicht eindeutig definiert. So läuft die Rechtsform der finanziellen Beteiligung von vielen Kleininvestoren beim EEG-Crowdfunding oft auf eine genossenschaftliche Gesellschaftskonstruktion hinaus, da Grundprinzipien wie Mitbestimmung, Wunsch nach Rendite und die von klassischen Finanzinstituten unabhängige Kapitalbeschaffung identisch sind. Ob sich Crowdfunding aber als transparente, seriöse Finanzierungsform etablieren kann oder es sich doch eher als schillernde Seifenblase herausstellt, bleibt abzuwarten.

 Dieser Artikel stammt aus dem Buch " Energiewende selber machen"

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